Liebesgeständnis im botanischen Garten

… oder weshalb ich aufhören sollte nett zu sein…

Das Folgende ereignete sich am 26 März, meinem ersten Wochenende hier in Napier. Entgegen aller Erwartungen kämpfte sich die Sonne am Sonntag durch die dichte Wolkendecke und eine Freundin aus der Schule und ich beschlossen dem botanischen Garten neben unseren ziemlich toten Nachbarn, einen Besuch abzustatten.

Es war schön aber ich hätte genauso gut eine Runde im Garten meiner Mutter machen können…

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Irgendeine Blume aus dem botanischen Garten

Die Abteilung mit einheimischen Pflanzen fiel sehr klein aus, aber es war  interessant die riesigen Farne, auf die die Kiwis so stolz sind, einmal von nahem zu sehen. Hauptsächlich sieht man dort importierte Pflanzen. Das liegt daran, das in den Anfangsjahren der Besiedelung von Neuseeland kein Einfuhrverbot für ausländischen Pflanzen und Tieren galt- schwerer Fehler. Heute hat Neuseeland mit einer Opossum-Plage zu kämpfen. Sie haben hier auf der Insel keine natürlichen Feinde ausser den Menschen und fressen die Eier von mittlerweile vom aussterben bedrohten Vögeln.

Auf einer Tafel im Garten stand, dass man die Leute gewähren liess, damit sie sich schneller zu Hause fühlten in der neuen Umgebung (ich hätte also Felix und Feivel mitnehmen können). Wie gesagt, schwerer Fehler, den sie bis heute versuchen zu beheben.

Als wir alles gesehen haben, was es zu sehen gab, machte ich mich auf in die “Stadt”, um noch ein paar Besorgungen zu machen, da die Läden hier auch am Sonntag offen sind.

Und hiermit kommen wir zum Hauptteil der Geschichte.

Nichtsahnend lief ich die Strasse zu meinem vorläufigen zu Hause hoch und sah einen jungen Mann  auf dem Gehsteig sitzen. Es sah so aus als würde er schlafen, weswegen ich nichtsahnend auf ihn zu- und an ihm vorbeilaufen wollte.

Tja, da hatte ich die Rechnung ohne ihn gemacht…

“Oi, könntest du mir sagen was wir für Zeit haben?”, fragte er mich plötzlich ziemlich wach von unten herauf.

Der gute Mensch, der ich nun einmal bin und da ich das Handy eh schon in der Hand hielt, sagte ich ihm die Zeit.

Für mich war die Sache danach schon erledigt, aber für ihn anscheinend nicht. Schwankend stand er auf und wäre beinahe vornübergefallen, er hatte ordentlichen einen hinter der Binde, das konnte ich sehen. Danach bückte er sich und zeigte auf sein Fussgelenk, wo ich mit grossen Augen eine Fussfessel der Polizei erblickte. Er müsse um 19 Uhr daheim sein, murmelte mehr zu sich selbst als zu mir.

Das Herz rutschte mir in die Hose und alle Alarmglocken schrillten wie verrückt in meinem Kopf. Für mich gab es von da an nur noch ein Ziel- nach Hause.

Mit einem Nicken verabschiedete ich mich und lief los, er hinter mir her. Nach kurzer Zeit ging er neben mir, was mich doch etwas überraschte wegen seines Zustandes (…) und begann zu reden.

Er fragte mich ob wir nun Freunde seien. Schlafende Hunde, besonders betrunkene, soll man nicht wecken, weshalb ich ihm mehr schlecht als recht zustimmte.

Dann begann er mir von sich zu erzählen. Er sei 22 Jahre alt und studiere Maorisprache an der Universität. Das Erschreckende war, dass er wirklich nicht viel älter als ich aussah, nur total zerstört.

Das erste mal seit 8 Monaten sei er wieder in der Stadt gewesen, da er daheim bleiben musste und ich konnte mir gut vorstellen weshalb, schliesslich trägt man so ein Polizei-GPS nicht umsonst ums Fussgelenk… Und anscheinend hat er seinen Freigang auch ausgiebig gefeiert. Er habe gekifft und schon seit dem Aufstehen trinke er Alkohol.

Laut eigenen Angaben müsse er die Fussfessel tragen, da er beinahe gekidnappt worden wäre- wer`s glaubt wird selig .

Mein  Hirn suchte panisch nach einem Ausweg. Direkt nach Hause konnte ich mit ihm im Schlepptau nicht, ich hatte keine Lust darauf, dass dieser Kerl wusste wo ich wohne.

Deshalb viel mir die Antwort auf seine Frage wo ich hinwollte nicht schwer.

In den botanischen Garten.

Natürlich fragte er mich nach meinem Namen und woher ich komme.

Übrigens heisse ich ab jetzt Annabelle und komme aus Deutschland!

Er warnte mich vor Männern die sagen, dass ich hübsch aussehe und mich zu sich nach Hause einladen wollen… Eine Minute später säuselte er: Alle Mädchen aus Deutschland sind so schön, aber du bist die Schönste, die ich jemals von da gesehen habe… (Fremdschäm)

Ich fasste mir an den Kopf und meinte halbherzig, dass er nächstes mal den Teil mit der Warnung weglassen solle, dann hätte er vielleicht bessere Chancen bei einer.

Einfach so aus dem Nichts heraus meinte er darauf er sei sehr sportlich. Zum Beweis ging er in die Knie und von da aus begann der klägliche Versuch mir mit betrunkenen Liegestützen zu imponieren.

Unbeeindruckt setzte ich mich auf eine Bank im Garten. In der Nähe befand sich eine grosse Gruppe Menschen und ich beruhigte mich etwas. Falls etwas war, war ich nun zumindest nicht mehr alleine.

Nach kurzer Zeit stiess er zu mir und setzte sich zum Glück nicht neben mich, sondern auf eine andere Bank, so dass er mich ansehen konnte. Danach begann er an seinem  Rucksack zu zerren und  beförderte ein Sixpack Bier heraus, wovon er mir wortlos eine Dose hinhielt. Ich lehnte ab und tippte stattdessen auf meinem Handy herum.

Nach wenigen Augenblicken traf mich etwas am Knie. Es war eine Packung Medikamente, kurz darauf folgte eine andere. Als ich aufsah, schluckte er gerade eine Handvoll, als wären es Erdnüsse.

Mir wurde es langsam aber sicher wirklich zu viel und ich hätte beinahe begonnen zu weinen, da ich so gestresst war.

Immer wieder fragte er mich, wo ich wohne und ob ich ihm meine Nummer geben könnte, beides tat ich gequält lachend ab. Nie im Leben hätte ich ihm eines von beidem gesagt. Beleidigt fuhr er mich an, dass er in 4 Wochen die Fussfessel loswerden und eine riesige Party schmeissen würde, zu der ich unbedingt kommen müsse, aber dafür bräuchte er meine Nummer.

Als ich ihm nicht antwortete versuchte er es anders und wollte wissen, was ich morgen täte. Ich sei beschäftigt, meinte ich kurz angebunden. Er könne mich dahinfahren, ich müsse nur zu seinem Haus laufen…

Da stand ich auf und ging. Ich war noch so nett und gab ihm den nett gemeinten Rat jetzt nach Hause zu gehen, genügend Wasser zu trinken und dann zu schlafen.

Er folgte mir nicht, rief mir dafür hinterher, das er mich liebe.

Nach diesem unglücklichen Zusammentreffen habe ich ihn nie wieder gesehen.

Traurig bin ich nicht darüber.

Für alle, die sich jetzt unglaubliche Sorgen machen (hoi Papi), bitte, bitte reagiert nicht über. Ich verlasse nach wie vor jeden Tag das Haus, mir geht es blendend und die Kiwis sind wirklich sehr, sehr nette Menschen.

 

 

 

 

 

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2 thoughts on “Liebesgeständnis im botanischen Garten

  1. Hallo Annabelle aus Germany, spannende Geschichte. Ist sicher eine gute Idee, irgendwohin zu gehen, wo Leute sind, statt in stracks nach Hause zu führen. Hast du schon Maori getroffen? Sieht man die normal im Alltag oder leben sie wie die Indianer in Reservaten? Hättest du deinen Verehrer eigentlich ein wenig ausfragen können, wenn das schon sein Studienobjekt ist 🙂
    Hoffe, diese Begegnung der dritte Art hat dir nicht die Lust am Kennenlernen von neuen Menschen genommen.
    Tschüssli aus dem wunderbaren Frühling in Lommis, Silvia

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